Wenn man an digitale Vorreiter in Deutschland denkt, fällt den meisten wohl nicht sofort ein kleines Dorf in Ostwestfalen ein. Doch Etteln hat es geschafft, sich bundesweit und sogar international einen Namen zu machen: Ende 2024 gewann das Dorf den weltweiten IEEE Smart City Contest – und ließ damit selbst Megastädte wie Hongkong hinter sich. Heute gilt Etteln als das digitalste Dorf Deutschlands.
Eine wichtige Grundlage für diesen Erfolg bildeten zahlreiche kleine Digitalisierungsmaßnahmen. Die Arbeit daran zeigte jedoch schnell: Wirklich zukunftsweisend wird Digitalisierung erst, wenn Daten über offene und sichere Strukturen geteilt und intelligent vernetzt werden. So entwickelte sich in Etteln die Idee, einen kommunalen Datenraum aufzubauen– ein Ansatz, der inzwischen Modellcharakter für ganz Europa hat.
Mit dem Datenraum Community‑X entsteht eine Blaupause für den souveränen und vertrauensvollen Umgang mit Daten in kommunalen Strukturen – ein Projekt mit nationaler und internationaler Strahlkraft. Unterstützt von der Gaia‑X‑Community, von der AISBL bis zu nationalen Gaia‑X‑Hubs, setzte Etteln diese Vision frühzeitig in die Praxis um.
Etteln: Wie alles begann
Der Wandel begann vor rund zwölf Jahren. Auslöser waren sinkende Schülerzahlen und eine drohende Schulschließung, die das Dorf zum Handeln bewegte. Bürgerinnen und Bürger entwickelten in Dorfwerkstätten Ideen, wie sie ihr Umfeld gestalten und attraktiver machen konnten. So entstand auch die Vision, Digitalisierung als Markenkern zu nutzen – nicht um der Technik willen, sondern zur Verbesserung von Lebensqualität, wirtschaftlichen Chancen und Nachhaltigkeit. Zahlreiche Digitalisierungsmaßnahmen folgten.
Erste Entwicklungen
Ein erster Durchbruch gelang beim Breitbandausbau: In Eigenleistung verlegte Etteln rund 30 Kilometer Glasfaserkabel – in nur sechs Monaten und zu einem Bruchteil der ursprünglich kalkulierten Kosten. Daran knüpften zahlreiche weitere Projekte an:
- Aufbau eines LoRaWAN‑Netzes für Sensorik und Datenanalyse.
- Entwicklung einer Dorf‑App mit Marktplatz, Hilfedatenbank und Veranstaltungskalender
- Hochwasserfrühwarnsystem auf Basis von Sensordaten.
- Einführung geteilter Mobilität: e‑Dorfauto, e‑Lastenrad, digitale Mitfahrbank.
- Digitale Informationspunkte und KI‑gestützte Telemedizin.
Auf diesen Erfolgen aufbauend erarbeiteten Vereinsvorsitzende und die Ortsvertretung eine Digitalisierungsstrategie, die vom Gemeinderat beschlossen wurde. Sie ermöglichte Fördergelder zu akquirieren und diente als Grundlage für zahlreiche Umsetzungen. 2024 wurden die vielen Bemühungen belohnt mit dem IEEE Smart City Award – ein internationaler Beleg für Ettelns Innovationskraft.
Der nächste Schritt: Das Datenraum-Projekt Community‑X
Mit seinen Digitalisierungsmaßnahmen konnte Etteln konkrete Probleme lösen und die Lebensqualität steigern. Bei der Umsetzung der Maßnahmen zeigte sich aber auch: Viele weitere Potentiale warten darauf noch erschlossen zu werden. Insbesondere durch die Kombination der Daten, die in dem Dorf Etteln mittlerweile an vielen Stellen entstehen, lassen sich neue Anwendungen realisieren. Beispielsweise können Daten zur Energiegewinnung aus der lokalen Windenergieanlage des Dorfes kombiniert werden mit Daten zum Verbrauch aus den Haushalten. Dadurch können Anlagen wie Wärmepumpen oder Ladestationen für E-Autos aktiviert werden, wenn ausreichend günstige Energie aus erneuerbaren Quellen zur Verfügung steht. Die Bürger können so durch günstige Energiepreise der regionalen Energieerzeugung profitieren.
Um diese und ähnliche Potentiale zu nutzen startete 2025 das Projekt Community‑X. Ziel ist es, den ersten kommunalen Datenraum Europas zu bauen. So entsteht in Etteln ein Modell für den souveränen Umgang mit kommunalen Daten – offen, sicher und vernetzt.
Worum geht es bei Datenräumen?
Klassische Plattformen verbinden wenige Anbieter und Nutzer, zentrale Betreiber bestimmen die Regeln. Datenräume hingegen vernetzen viele Akteure gleichberechtigt. Sie schaffen Vertrauen, ermöglichen automatisierte Zusammenarbeit und fördern faire Datennutzung – ohne Abhängigkeiten.
Das europäische Modell interoperabler Datenräume setzt auf föderierte Cloud‑Infrastrukturen. Es steht für Souveränität durch Datenhoheit, Nachhaltigkeit durch Dezentralität und Zukunftsfähigkeit durch offene Standards.
Partner und Kooperationen
Mit Community‑X wagt Etteln den nächsten Schritt. Statt bei einer Datenplattform stehenzubleiben, wird ein Gaia‑X‑basierter Datenraum entwickelt. Die Projektleitung übernimmt die FIWARE Foundation, unterstützt von einem Dutzend Partnern aus dem Gaia‑X‑Ökosystem.
Damit ermöglicht Etteln nicht nur die eigenen Digitalisierungsmaßnahmen intelligent zu verknüpfen, es wird auch anschlussfähig an zahlreiche Datenraumprojekte in Deutschland sowie weltweit. Das zeigt sich Beispielhaft an der Kooperation mit Data4Industry‑X. Das europäische Datenraumprojekt ermöglicht sicheren, standardisierten Datenaustausch zwischen Unternehmen, Branchen und Ländern. Dabei unterstützt es Industriepartner bei Energiemanagement, Emissionsreduktion und datengetriebener Innovation.
Industrie und Kommunen stehen vor ähnlichen Aufgaben: die Energiewende beschleunigen, neue Geschäftsmodelle entwickeln, erneuerbare Energien integrieren und Bürgerinnen und Bürgern intelligente, nachhaltige Dienste anbieten. Um diese Ziele zu erreichen, benötigt es gemeinsame, interoperable Lösungen – wie etwa Datenräume auf Gaia‑X‑Basis.
Community‑X und Data4Industry‑X greifen auf das Rahmenwerk von Gaia-X zurück und werden so interoperabel. So können beispielsweise kommunale Energie‑ und Gebäudedaten mit Industriedaten wie CO₂‑Emissionen oder Produktionslasten zusammengeführt und ausgewertet werden.
Auf diese Weise entsteht ein digitales Ökosystem, das europäische Energie‑, Klima‑ und Souveränitätsziele unterstützt. Datenräume schaffen Vertrauen, ermöglichen datenbasierte Entscheidungen und steigern Effizienz – etwa durch bessere Nutzung erneuerbarer Energien, gezielte Dekarbonisierungsplanung oder neue Geschäftsmodelle.
Community‑X und Data4Industry‑X zeigen, wie ein vernetztes, souveränes Datenökosystem in Europa Wirklichkeit werden kann – vom Dorf bis zur Industrieanlage – und wie daraus Nachhaltigkeit, Effizienz und digitale Unabhängigkeit wachsen.
Etteln und Community-X: Wie geht es weiter
Etteln beweist, wie ein kleiner Ort groß denken kann. Durch Eigeninitiative, Zusammenhalt und Offenheit entstand ein Vorreiterprojekt, das zeigt, wie Zukunft auf dem Land gestaltet werden kann.
Die Attraktivität des Dorfs ist spürbar gestiegen: Bauplätze sind rar, die Zahl der Grundschulkinder hat sich in den letzten zwölf Jahren fast verdoppelt. Etteln teilt seine Erfahrungen regelmäßig in digitalen Dorfrundgängen und auf Konferenzen. Außerdem ist das Projekt auf internationaler Bühne präsent, beispielsweise beim Smart City Expo World Congress (Barcelona) und auf dem Gipfel für digitale Souveränität. Hier konnten sich am Stand des Gaia-X Hub Germany namhafte Politiker wie Digitalminister Karsten Wildberger und Forschungsministerin Dorothee Bär einen Eindruck vom Projekt verschaffen – anhand eines großes Lego-Modells, dass das Dorf Etteln zeigt und den kommunalen Datenraum auf spielerische Weise sichtbar macht.
Die Botschaft ist klar: Wenn ein Dorf wie Etteln es schafft, zum digitalsten Ort Deutschlands zu werden, dann können viele andere ländliche Regionen diesem Beispiel folgen. Mit dem Projekt Community-X wird dieser Weg geebnet. Ziel ist der Aufbau des ersten kommunalen Datenraums Europas, an dem viele weitere Kommunen teilhaben können.
Weiterführende Links:
https://gaia-x.eu/community-x-becomes-gaia-x-lighthouse-project/
Spendenplattform:
Verfasst von Silvia Dreier