Für komplexe Anforderungen an Netzwerk- und Clouddienste hat das Gaia-X-Projekt TELLUS eine softwarebasierte Plattform entwickelt, die diese für jeden Anwendungsfall kombiniert und automatisiert optimiert. Projektexperte Salvatore Tuccio erklärt, was es mit dieser Innovation auf sich hat.
Will man Anwendungen, die einen gleichbleibend hohen Leistungs- und Qualitätsstandard von kombinierten Cloud- und Netzwerkdiensten erfordern, dauerhaft realisieren, ist das meist kompliziert. Warum?
Salvatore Tuccio: Moderne Multi-Cloud- und Netzwerkinfrastrukturen sind oft hochkomplex und fragmentiert. Unternehmen müssen ihre Netzwerk- und Clouddienste daher aus einer Vielzahl von Serviceangeboten zahlreicher Anbieter manuell kombinieren und bereitstellen. Das kostet viel Zeit und Manpower und dauert oft Wochen. Unsere Lösung verkürzt diesen Aufwand auf einen Bruchteil davon. Außerdem bieten bestehende Netzwerkstrukturen nur selten Ende-zu-Ende-Garantien für geschäftskritische Anwendungen. Das betrifft Parameter wie Latenz (Übertragungsverzögerung), Bandbreite, Sicherheit, Resilienz und Interoperabilität.
Das Gaia-X Förderprojekt TELLUS hat dafür eine innovative Lösung entwickelt. Wie funktioniert diese?
Mit TELLUS haben wir eine softwarebasierte Plattform entwickelt, die automatisch die beste Kombination aus Netzwerk- und Cloud-Services für unterschiedliche Anwendungen findet. Sie integriert bestehende Infrastrukturen wie Rechenzentren und Netzwerkinfrastrukturen verschiedener Anbieter. Dabei gleicht ein sogenannter Super-Node, bestehend aus komplexen Algorithmen, die Kundenanforderungen mit allen verfügbaren Netz- und Cloud-Services der Anbieter ab. Als Lösung entsteht schließlich eine „Infrastructure-as-a-code“ oder „Software-as-a-code“.
Konkret läuft das so ab, dass Nutzer über ein Portal oder eine API ihre Anforderungen eingeben, beispielsweise die geforderte Latenz, Bandbreite und die gewünschte Anbindung zwischen zwei Punkten A und B. Die Super-Node-Architektur gleicht diese dann mit den verfügbaren Services ab. Damit die Services in die Auswahl der potenziell möglichen Services gelangen, müssen die Anbieter diese über sogenannte Self-Service-Descriptions genau spezifizieren und registrieren. Dabei erfolgt unter anderem auch die Festlegung des Grads der Sicherheitsgarantie.
Welche Zielgruppe/n profitieren von der TELLUS-Entwicklung?
Unsere Super-Node-Lösung zielt in erster Linie auf Industrieunternehmen in Deutschland und Europa ab, insbesondere für Anwendungen im IoT-Bereich (Internet of Things), im Bauwesen und im Bereich Smart Manufacturing. Dort benötigt man leistungsstarke, hochperformante und hochverfügbare Netzwerkinfrastrukturen mit bestimmten Garantien. Auch Betreiber kritischer Infrastrukturen zählen zu Interessenten für diese Lösung, denn sie benötigen besonders hohe Sicherheitsgarantien.
Gleichzeitig wendet sich das Angebot an Netzwerk- und Cloud-Anbieter, die solche Leistungen anbieten wollen. Hier fungiert TELLUS als Vermittlungsplattform in beide Richtungen.
Sie haben Ihre Lösung anhand von drei Anwendungsbeispielen entwickelt und praktisch erprobt. Was waren die Herausforderungen?
Einer unserer Use Cases ist das sogenannte Equipment-as-a-Service von Trumpf. In diesem Fall kann man Laservollautomaten zur Blechbearbeitung auf einer Pay-per-Part-Basis nutzen. Dazu wird eine garantierte minimale Latenz von weniger als 20 Millisekunden benötigt und zwar auf die Entfernung zwischen dem Standort der Maschine und demjenigen, der die Eingaben macht. Diese beträgt unter Umständen mehr als 500 Kilometer. Da darf es keine Schwankungen geben, weil sonst die Steuerung nicht mehr funktioniert. Das heißt, man braucht eine superschnelle, dauerhaft konstante Verbindung.
Bei unserem „Intelligenten Handschuh“ werden Handbewegungen in digitale Befehle übersetzt. Das ermöglicht eine präzise Steuerung in Echtzeit. Mit einem solchen mimetischen Handschuh steuert man Roboter per Handbewegung. Das nutzt die Industrie oder die Medizin bei Operationen. Beispielsweise dann, wenn sich der Operateur in einer anderen Stadt befindet als der Operationssaal und der operierende Roboter. Eine konstante niedrige Latenz und eine robuste sichere Verbindung sind hier die Grundvoraussetzung.
Beim digitalen Zwilling, der ein physisches Objekt, zum Beispiel ein Gebäude, oder einen Prozess in der digitalen Welt abbildet, ist es vor allem wichtig, die ständige Verfügbarkeit zum Abruf der Daten und deren Sicherheit zu garantieren.
Wie sieht das Geschäftsmodell für die TELLUS-Plattform aus?
Auf dem Marktplatz werden Unternehmen in Zukunft dynamische Netzwerkkapazitäten buchen. Die Plattform vermittelt zwischen Kunden und Anbietern. Ihr Vorteil: Sie optimiert und ermöglicht eine schnelle Bereitstellung der geforderten Parameter und Kapazitäten.
Die nächsten Schritte sind also …
Jetzt nach dem Ende des Projektes arbeiten wir zunächst daran, TELLUS als Plattform im Markt zu etablieren. Außerdem streben wir als längerfristiges Ziel an, aktiv zur Standardisierung von Interconnection-Services in Europa beizutragen.
Weitere Infos auf: https://www.tellus-project.de/
Interviewpartner:
Salvatore Tuccio – Konsortialführer TELLUS und DE-CIX Projektmanager