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Gesundheitsdaten sind heute oft nur punktuell verknüpft. Eine bessere Vernetzung würde unmittelbar Patientinnen, Patienten und Leistungserbringer im Gesundheitswesen entlasten. Im Interview erklärt Dennis Appelt, Geschäftsführer der European Health Data Alliance (EHDA) e.V., wie konkrete Mehrwerte entstehen, welche Umsetzungshemmnisse bestehen und wie der Verein den sicheren Austausch von Gesundheitsdaten technisch organisiert.
2023 wurde die EHDA e.V. gegründet. Was war der Auslöser dafür, und welches Ziel verfolgt der Verein langfristig?
Dennis Appelt: Die Gründung der EHDA e.V. war der konsequente nächste Schritt, um die Arbeit der drei Gaia-X-Leuchtturmprojekte HEALTH-X dataLOFT, TEAM-X und GAIA-X-med weiterzuführen. Diese Projekte haben in Deutschland bereits erfolgreich Gesundheitsdatenräume aufgebaut und gezeigt, welches Potenzial in einem sicheren, vernetzten und souveränen Umgang mit Gesundheitsdaten liegt.
An diese Erfahrungen knüpfen wir an und übertragen sie auf europäische Ebene – mit dem Ziel, einen gemeinsamen, EHDS-kompatiblen Gesundheitsdatenraum für Europa zu schaffen. Dafür bietet die EHDA e.V. Organisationen und Unternehmen, die sich in diesem Feld engagieren möchten, eine Plattform zur Vernetzung, Ko-Kreation und Mitgestaltung. In interdisziplinären Arbeitsgruppen – etwa zu Regulatorik, Geschäftsmodellen und Architektur – bearbeiten unsere Mitglieder gemeinsam zentrale Fragestellungen. Ergänzend organisieren wir Formate wie Workshops und Konferenzen, um Wissen zu vermitteln und Best Practices skalierbar zu machen.
Im Umfeld des Vereins ist zudem die EHDP GmbH entstanden, die perspektivisch den technischen Betrieb der Softwarekomponenten innerhalb des Gesundheitsdatenraums übernehmen soll.
Wieso braucht es genau diesen Gesundheitsdatenraum im Gesundheitswesen?
Im Gesundheitswesen gibt es bei der Digitalisierung weiterhin enormes ungenutztes Potenzial. Auf der einen Seite liegen viele Gesundheitsdaten fragmentiert in sogenannten Datensilos und werden heute kaum genutzt. Auf der anderen Seite könnten diese Daten vielfältige Anwendungen ermöglichen – etwa in der medizinischen Forschung, der Versorgungssteuerung und der Primärversorgung.
Ein einfaches Beispiel: Beim Wechsel des Hausarztes müssten Patientinnen und Patienten ihre Daten nicht mehr auf einem Datenträger mitbringen, sondern könnten sie sicher digital freigeben.
Hinter der Frage steht eigentlich der Mehrwert eines auf der EHDA e.V. basierenden Gesundheitsdatenraums. Der Gesundheitsbereich ist der erste, für den mit der EHDS-Verordnung bereits eine europäische Regelung zur Schaffung eines sektorspezifischen Datenraums existiert. Der von der EHDA e.V. aufgebaute Gesundheitsdatenraum basiert auf den Standards von Gaia-X, der IDSA und dem Data Space Protocol und ist damit von Beginn an interoperabel angelegt. Durch die Implementierung dieser De-facto-Metastandards wird der Gesundheitsdatenraum kompatibel zu anderen europäischen Datenräumen, die auf denselben Standards beruhen – etwa in Industrie oder Mobilität.
Gleichzeitig sind die Konzepte der EHDA e.V. in Teilen ähnlich zu den Regelungen des EHDS – und bewusst darauf ausgerichtet, diese sinnvoll zu ergänzen. Wie genau sich der EHDA e.V. in das größere Ökosystem einfügt, ohne Doppelstrukturen zu schaffen, erörtern wir aktuell gemeinsam mit unseren Partnern. Ziel ist es, Brücken zwischen bestehenden Infrastrukturen und Akteuren zu bauen.
Ein Beispiel: Aktuell arbeiten wir gemeinsam mit der Charité in einem Forschungsprojekt daran, die Gaia-X-Infrastruktur mit der Medizininformatik-Initiative (MII) zu verbinden. Dabei legen wir bestehende Infrastrukturen nebeneinander, analysieren Schnittstellen und erproben exemplarische Kooperationen – zunächst ohne direkte Übertragbarkeit auf andere Kliniken. Ziel ist es, zusätzliche Datenquellen aus föderierten Datenräumen über die etablierte MII-Plattform für die Forschung zu erschließen.
Sie haben erwähnt, dass einer der Vorteile der EHDA e.V. ist, dass der Datenraum auf den Standards von Gaia-X und der IDSA-Initiative aufbaut. Wie kann man sich das konkret vorstellen? Wird die EHDA e.V. beispielsweise Gaia-X-Infrastruktur wie Gaia-X Digital Clearing Houses verwenden?
Grundsätzlich soll die EHDA e.V. die Infrastruktur von Gaia-X nutzen, solange sie für unsere Zwecke geeignet ist. Das liegt auch daran, dass wir die Konzepte und die Architektur der drei Gaia-X-Gesundheitsprojekte weiterführen, aus denen die EHDA e.V. hervorgegangen ist. Gleichzeitig braucht ein funktionierender Gesundheitsdatenraum natürlich die klassischen Komponenten – also Identitätsmanagement, Datenkatalog, Clearing House und Auditmechanismen, welche auch von Gaia-X oder der IDSA bereitgestellt werden. An unserer Umsetzung dieser Bausteine arbeiten wir derzeit intensiv.
Allerdings liegt der Fokus von Gaia-X deutlich stärker auf B2B-Anwendungen, während wir uns im Gesundheitsbereich überwiegend mit B2C-Szenarien beschäftigen. Deshalb müssen wir die Entwicklungen bei Gaia-X aufmerksam verfolgen, dürfen ihnen aber nicht gedankenlos hinterherlaufen. Wichtig ist, dass wir im Zweifel auch in der Lage sind, uns ab einem bestimmten Punkt von Gaia-X zu lösen, wenn es für unsere Anforderungen notwendig wird. Diesen Punkt haben wir aber bislang nicht erreicht – Konformität nicht nur mit Gaia-X, sondern auch mit der IDSA und dem Data Space Protocol ist für uns derzeit der beste Ansatz.
Um einen funktionierenden Datenraum zu schaffen, braucht es selbstverständlich Daten, die geteilt werden dürfen. Verschiedene Umfragen, aber auch der schleppende Start der elektronischen Patientenakte (ePA) zeigen, dass viele Bürgerinnen und Bürger in Deutschland vorsichtig mit ihren Gesundheitsdaten umgehen. Wie will die EHDA e.V. die Bevölkerung überzeugen, ihre Gesundheitsdaten zu teilen?
Ein zentraler Hebel für Akzeptanz ist Transparenz in der Datennutzung: Die Data Wallet zeigt, wenn eine andere Stelle Daten nutzen möchte, wo Daten liegen und wer bereits Zugriff hat. So entsteht Vertrauen in Prozesse und beteiligte Akteure. Wir vermeiden aktiv Situationen, in denen unklar ist, wer auf welche Informationen zugreifen kann. Wie weit eine solche dezentrale Speicherung möglich ist, hängt jedoch von noch ausstehenden regulatorischen Rahmenbedingungen ab.
Zweitens bleiben Bürgerinnen und Bürger aktive Partner: Sowohl die ePA als auch der EHDS setzen auf ein Opt-out-Verfahren, bei dem man dem Gesamtkonzept widersprechen kann, nicht aber einzelnen Teilen davon. Der EHDA e.V. verfolgt dagegen, wo immer möglich, ein Opt-in-Prinzip. So können Patientinnen und Patienten granular entscheiden, wer auf welche Daten zugreifen darf – und damit ihre Datensouveränität aktiv wahrnehmen.
Wenn Arztpraxen und Krankenhäuser nun auch noch die Datenspeicherung und -teilung übernehmen müssen, hört sich das nach deutlich mehr Arbeit für sie an. Und das, obwohl bereits viele unter hoher oder sehr hoher Belastung arbeiten. Wieso lohnt sich der zusätzliche Aufwand für Praxen und Krankenhäuser?
Das ist absolut richtig. Gerade Krankenhäuser und Arztpraxen stehen im aktuellen System vor großen Herausforderungen. Entsprechend ist es anspruchsvoll, sie von neuen datengetriebenen Konzepten zu überzeugen. Gleichzeitig zeigt sich zunehmend, dass Krankenhäuser und Arztpraxen von Digitalisierung konkret profitieren können – und nicht nur zusätzliche Arbeit entsteht.
Ein Beispiel ist ein sehr erfolgreiches ePA-Pilotprojekt, in dem Medikamentationslisten sektorenübergreifend ausgetauscht wurden. Dadurch konnte in zahlreichen Fällen verhindert werden, dass unterschiedliche Ärztinnen und Ärzte einer Person sich widersprechende Medikamente verordneten, die in Kombination zu schweren Komplikationen geführt hätten. An solche Erfolge knüpfen wir an, indem wir zunächst greifbare Use-Cases schaffen, bevor wir auf Krankenhäuser und Arztpraxen zugehen. Ein Beispiel dafür ist das bereits erwähnte Forschungsprojekt mit der MII.
Eine weitere Möglichkeit ergibt sich aus dem EHDS: Die Verordnung sieht sogenannte Vermittler vor, die Akteure wie Krankenhäuser von Teilen ihrer Pflichten zum Datenteilen entlasten. Der EHDA e.V. könnte perspektivisch als solcher Vermittler tätig sein – und so Krankenhäuser sowie weitere datenhaltende Stellen gezielt entlasten.
Interview geführt von Julian Guldner
Interviewpartner:
Dennis Appelt – Geschäftsführer der European Health Data Alliance e.V.