Das Drei-Level-Modell von SmartLivingNEXT stellt die nächste Entwicklungsstufe digitaler Gebäude und vernetzter Infrastrukturen dar (Bild: KI)
Wie entsteht aus einem intelligenten Gebäude eine digitale Infrastruktur? Und welchen Beitrag leistet ein föderierter Datenraum, um aus einzelnen Use Cases ein skalierbares, interoperables und souveränes Ökosystem zu formen? Im Forschungsprojekt SmartLivingNEXT werden Wohngebäude konsequent weitergedacht: nicht nur als smarte Einzelobjekte, sondern als Teil eines mehrstufigen, vernetzten Systems. SmartLivingNEXT entwickelt und erprobt dafür eine offene, föderierte Datenraumarchitektur, die Interoperabilität, Datensouveränität und wirtschaftliche Skalierbarkeit systematisch verbindet.
Gastbeitrag von Michael Schidlack, Principal Researcher bei der Forschungsvereinigung Elektrotechnik (FE) beim ZVEI e. V. und Konsortialleiter im SmartLivingNEXT Leitprojekt
Digitale Gebäudetechnik gibt es längst. In vielen Gebäuden arbeiten bereits leistungsfähige Systeme für Heizung, Licht, Sicherheit, Energie oder Komfort. Das eigentliche Problem ist heute nicht das Fehlen von Technik. Das Problem ist, dass viele dieser Lösungen nebeneinander existieren, aber nur begrenzt zusammenwirken.
Genau hier setzt SmartLivingNEXT an. Das Projekt ersetzt keine bestehenden Systeme. Es schafft die Grundlage dafür, dass Daten aus unterschiedlichen Systemen sicher, regelgeleitet und herstellerübergreifend nutzbar werden, dort, wo daraus echter Mehrwert entsteht. Ziel ist nicht die nächste Insellösung, sondern ein offenes, föderiertes Ökosystem für den digitalen Gebäudebetrieb und darüber hinaus.
Das Drei-Level-Modell von SmartLivingNEXT beschreibt diesen Weg in drei aufeinander aufbauenden Ebenen: vom intelligenten Gebäude über den gebäudeübergreifenden digitalen Betrieb bis hin zur Infrastrukturwirkung.
1. Das intelligente Gebäude
Die erste Ebene ist das intelligente Gebäude selbst. Hier entstehen Daten lokal im Objekt, und hier werden sie zunächst auch genutzt. Das betrifft zum Beispiel Informationen aus Heizungs-, Lüftungs-, Energie- oder Sicherheitssystemen.
Entscheidend ist: Das Gebäude bleibt der Ausgangspunkt. Daten müssen nicht zunächst in eine zentrale Plattform überführt werden, um Mehrwert zu stiften. Sie können direkt vor Ort dazu beitragen, Betrieb, Komfort, Wartung und Energieeinsatz zu verbessern.
SmartLivingNEXT schafft zugleich die Voraussetzung dafür, dass Daten zustimmungsbasiert und regelgeleitet auch dann zusammengeführt und nutzbar gemacht werden können, wenn sie unterschiedlichen natürlichen oder juristischen Personen zugeordnet sind. Genau darin liegt ein wesentlicher Fortschritt: Nicht nur technische Interoperabilität, sondern eine Datenverknüpfung, die auf vertrauenswürdiger Governance basiert und DSGVO-konform abgebildet werden kann.
Damit wird das intelligente Gebäude nicht nur digitaler, sondern auch anschlussfähig für neue Formen des sicheren und vertrauenswürdigen Datenaustauschs.
2. Gebäudeübergreifender digitaler Betrieb
Die zweite Ebene beginnt dort, wo der Blick über das einzelne Gebäude hinausgeht. Sobald Daten aus mehreren Gebäuden nutzbar werden, entstehen neue Möglichkeiten für Effizienzgewinne, bessere Abläufe und zusätzliche Services.
Hier geht es nicht mehr nur um das einzelne Objekt, sondern um Bestände, Quartiere und Portfolios. Anwendungen, die in einem Gebäude funktionieren, können auf weitere Standorte übertragen werden. Prozesse lassen sich einheitlicher, wirtschaftlicher und skalierbarer organisieren. Das ist für Unternehmen, Wohnungswirtschaft und Betreiber von zentraler Bedeutung, denn entscheidend ist am Ende nicht der isolierte Pilot, sondern die Übertragbarkeit in reale Betriebszusammenhänge.
SmartLivingNEXT schafft dafür die Grundlage, ohne dass bestehende Systeme ersetzt werden müssen. Es geht nicht um Systembruch, sondern um Anschlussfähigkeit. Vorhandene Lösungen bleiben erhalten, werden aber in einen größeren funktionalen Zusammenhang gebracht.
So entsteht ein gebäudeübergreifender digitaler Betrieb, der nicht auf Zentralisierung angewiesen ist, sondern auf geregelter Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure und Systeme.
3. Infrastrukturwirkung
Die dritte Ebene ist die eigentliche strategische Perspektive. Hier werden Gebäude Teil größerer Zusammenhänge, etwa von Quartieren, Energie- und Versorgungsinfrastrukturen und perspektivisch weiterer Domänen.
Damit verändert sich die Rolle des Gebäudes grundlegend. Es ist nicht mehr nur ein einzelnes technisches Objekt, sondern ein aktiver Teil eines vernetzten Gesamtsystems. Daten aus Gebäuden können dann helfen, Lasten besser zu steuern, Energieflüsse intelligenter zu koordinieren, Quartiere effizienter zu organisieren oder neue Dienste an den Schnittstellen von Wohnen, Energie, Pflege oder kommunaler Infrastruktur zu ermöglichen.
Auf dieser Ebene entsteht aus digitalisierten Gebäuden echte Infrastrukturwirkung. Genau hier liegt das langfristige wirtschaftliche und gesellschaftliche Potenzial von SmartLivingNEXT.
Was SmartLivingNEXT dabei anders macht?
SmartLivingNEXT verfolgt bewusst kein Modell mit einem dominanten Plattformbetreiber und auch keinen zentralen Datensee. Daten bleiben in den Ursprungssystemen und unter der Kontrolle derjenigen, denen sie zugeordnet sind oder die zu ihrer Nutzung berechtigt sind.
Das bedeutet: Datenhoheit bleibt gewahrt. Zugriffe und Nutzungen können zustimmungsbasiert, zweckgebunden und nachvollziehbar geregelt werden. Gerade dadurch entsteht ein Ansatz, der nicht nur technologisch tragfähig ist, sondern auch den Anforderungen an Governance, Vertrauen und Datenschutz gerecht wird.
Das ist zugleich ein wichtiger Unterschied zu vielen Plattformmodellen. SmartLivingNEXT setzt auf Föderierung statt Zentralisierung. Bestehende Systeme werden nicht verdrängt, sondern sinnvoll miteinander verbunden. Dadurch wird der Ansatz insbesondere auch für mittelständische Unternehmen, Wohnungswirtschaft, kommunale Akteure und weitere Marktteilnehmer attraktiv.
Warum das für Unternehmen relevant ist?
Für Unternehmen bietet das Drei-Level-Modell eine klare Entwicklungsperspektive.
Auf der ersten Ebene können sie Daten im Gebäude besser nutzbar machen. Auf der zweiten Ebene entstehen skalierbare digitale Betriebsmodelle über mehrere Gebäude hinweg. Auf der dritten Ebene eröffnen sich neue Rollen in einem vernetzten Infrastrukturumfeld.
Das ist nicht nur technisch interessant, sondern wirtschaftlich hoch relevant. Denn dort, wo Daten sicher, regelbasiert und kontrolliert zwischen verschiedenen Akteuren nutzbar werden, entstehen neue Dienstleistungen, effizientere Prozesse und neue Geschäftsmodelle. Gerade mit Blick auf KI-Anwendungen wird diese Fähigkeit künftig noch wichtiger: Nicht einzelne Datensilos schaffen den Hebel, sondern die geregelte Nutzbarkeit verteilter Daten in realen Anwendungskontexten.
Warum das für Wohnungswirtschaft und Kommunen relevant ist?
Auch für Wohnungswirtschaft und Kommunen ist das Modell hoch relevant. Es verspricht konkrete Vorteile im Betrieb, bei Energieeffizienz, Wartung, Servicequalität und der sektorübergreifenden Zusammenarbeit.
Zugleich bleibt klar geregelt, wer welche Rolle hat, wem Daten zugeordnet sind und unter welchen Bedingungen sie genutzt werden dürfen. Gerade in realen Umgebungen mit vielen Beteiligten ist das entscheidend. Eigentümer, Betreiber, Dienstleister, Energieakteure, Bewohner und Kommunen haben unterschiedliche Verantwortlichkeiten und Interessen. SmartLivingNEXT schafft hierfür nicht einfach eine weitere technische Schicht, sondern eine belastbare Verbindungslogik zwischen bestehenden Systemen, Zuständigkeiten und Nutzungsrechten.
Gaia-X-Prinzipien im Drei-Level-Modell von SmartLivingNEXT
Das Modell setzt bewusst auf Architekturprinzipien, die mit den Zielen von Gaia-X übereinstimmen:
- Föderation statt Zentralisierung Daten bleiben dezentral und teilbar.
- Offene Schnittstellen Keine Black-Box-Lösungen.
- Standardisierte Datenmodelle Ermöglichen Interoperabilität.
- Vertrauenswürdige Identitäten Rollen- und Rechte-Management auf Datenraumbasis.
- Klare Governance-Regeln Regelbasierte Nutzung und Kontrolle.
Diese Prinzipien schaffen einen Rahmen, der zugleich Innovation ermöglicht und europäische Werte schützt.
Fazit
Das Drei-Level-Modell von SmartLivingNEXT ist keine rein technische Architektur und auch kein abstraktes Schaubild. Es ist ein praxisnaher Ordnungsrahmen für die nächste Entwicklungsstufe digitaler Gebäude und vernetzter Infrastrukturen. Die erste Ebene macht das einzelne Gebäude intelligenter. Die zweite Ebene macht den Betrieb über Gebäude hinweg effizienter und skalierbarer. Die dritte Ebene macht Gebäude zu einem aktiven Teil intelligenter Infrastrukturen.